Erinnerungen an Jörg Jacob

 How high the Moon – Erinnerung an Jörg Jacob

von Gregor Weber

„Somewhere there’s music/It’s where you are/Somewhere there’s heaven/How near, how far/The darkest night would shine/If you would come to me soon/Until you will, how still my heart/How high the moon

Musik: William Morgan Lewis

Text: Hancy Williams

Eine Jugend ist ja selten einfach.

Schon gar nicht in der Provinz, die ja in Deutschland die Regel und nicht die Ausnahme ist. Und ich finde, dass eine Provinzjugend in den frühen und mittleren Achtzigern ganz besondere Härten mit sich brachte. Vielleicht finde ich das aber nur, weil ich keine andere Jugend aus eigenem Erleben kenne…

Grundproblem der Jugend, besonders in ihrer provinziellen Ausprägung, ist, dass man in keiner anderen Lebensphase so sehr auf die Zukunft hofft und gleichzeitig so wenig Ahnung hat, was man damit verdammt noch mal tun wird. Derweil dehnt sich das Jetzt unendlich aus, zäh und suppig, angefüllt mit allem was man nicht will: Schule, Eltern, Ausbildung. Und schmerzlich vermisst wird alles, was fehlt: Liebe, Sex, dass die eigene Existenz eine über sich selbst hinaus gehende Bedeutung hat, dass man einen Weg vor sich sieht, der durch unwegsames Gestrüpp und mannigfaltige Gefahr führen darf, wenn nur gewiss ist, dass dahinter ein glorioses Auftauchen aus der Asche steht, ein Erstrahlen im Glanze der eigenen Heldentaten als… what ever.

In der erwachsen werdenden Seele tobt auf der Suche nach sich selbst das Chaos und das Schlimmste dabei ist, dass man einfach nicht herausfindet, was man denn will, sondern immer nur, was man nicht will. Ex negativo kann man aber kein Held werden. Man muss zu etwas hin wollen, nicht von etwas weg. Man braucht Vorbilder, Referenzen. Und genau die scheint man als Jungendlicher ausschließlich in der Großstadt finden zu können, nicht aber in der piefigen Provinz, wo nur Eltern als “role model”zur Verfügung stehen – mit ihrer so wenig erstrebenswerten Bausparerexistenz.Jörg am Klavier 1

Aber Himmel sei Dank neigen strahlende Existenzen aus fernen, aufregenden Welten ja dazu, ihre Energie in die Produktion von Kunst zu investieren. Musik, Filme, Literatur. Und diese Produkte kann man überall bekommen, auch in der Provinz. Deswegen stürmten wir Landkinder der Achtziger alle Plattenläden, Konzerte, Kinos, Theater und Buchhandlungen die es in erreichbarer Nähe gab. Man konnte sich durch die Auswahl seiner Vorbilder zu einer bestimmten Gruppe dazugesellen und mit ihr die Trostlosigkeit des realen Seins bejammern und Pläne für die kommende Erfüllung eigener Sehnsüchte schmieden. Vor allem Musik, die am schnellsten und unmittelbarsten wirkende Adoleszenzdroge schuf eingeschworene Gemeinschaften.

Bei mir lief dieser Prozess verzögert ab, ich weiß nicht, warum. Spätzünder qua Veranlagung? Besonders wirr im Kopf? Zu ängstlich? Sicher von allem etwas, dennoch gab es auch einen eher positiv zu bewertenden Faktor: Ich hatte einen speziellen Geschmack. Rock und Pop der Sechziger und Siebziger kam in meiner frühen Jugend mangels älterer Geschwister nicht vor und die zeitgenössischen Alternativen, entweder AC/DC und KISS oder ABBA und BONEY M zu hören, fielen für mich völlig aus. Die neue deutsche Welle machte ich ein bisschen mit, aber wenig begeistert. Ich oszillierte unentschieden zwischen „Hui-Buh, das Schlossgespenst“ und „Trio“ bis ich ein paar alte Jazzplatten meines Vaters fand, New-Orleans-Zeug und dazu erzählte er mir von seinen Besuchen im „Birdland“ in New York Anfang der Sechziger. Zum nächsten Geburtstag schenkte er mir eine Charlie-Parker-Platte und das war’s dann. Ich hörte das regellose, aufbegehrende Wimmern und Kreischen des Altsaxophons, fühlte die scharfe Klinge von Miles Davis‘ Trompete, sah die coolen Anzüge und Hosenträger, die aufgekrempelten Hemdsärmel und die kurzen breiten Krawatten und wusste, dass ich verloren war. Die einzig denkbare Zukunft war schwarzweiß sein, rauchen und verwundete Musik spielen.

Ich unternahm einige Versuche, Jazz- und Bluespianist zu werden, aber es gebrach mir an Talent und Durchhaltevermögen. Ein Versuch bestand darin, Unterricht bei Christoph Mudrich und später beim etwa gleichaltrigen Frank Nimsgern zu nehmen, die sich beide erfolglos darum bemühten, meine Seele frei und meine Finger leicht und schnell zu machen. Ich sah und hörte hilflos, dass man auf dem Klavierstuhl ins All fliegen konnte, aber musste begreifen: mir würde es nicht gelingen.

Bei einer dieser tragikomischen Sitzungen im Hause Nimsgern war noch jemand da. Ein schwerer junger Kerl mit einem wie holzgeschnitztem Kaspergesicht. Große und flirrende Augen mit trägen Lidern, eine herausspringende Nase, breiter Mund und ein wirklich bemerkenswert gebogenes Kinn. Gesicht und Körper waren gleichzeitig kraftvoll und weich. Der Schlafzimmerblick im krassen Gegensatz zur quecksilbrigen Lebendigkeit der Mimik, der starke saarländische Dialekt so unpassend zur Geschwindigkeit und klugen Verwinkelung der Gedanken. Und witzig war er, very sophisticated! Das Beeindruckendste aber war sein Lachen: Es explodierte meckernd aus ihm heraus, zwang ihn, hektisch ein uns aus zu atmen und riss seine Mundwinkel fast bis zu den Ohren auseinander, das Atemlachstakkato schien seinem Gehirn Sauerstoff in konzentrierter Form zuzuführen, denn nach dem Lachen ging es auf der Denkautobahn noch mal so schnell weiter. Wer war der Kerl?

„Isch bin de Hacker.“

Er hatte einen Spitznamen! Das war der Gipfel der Coolness, denn einen Spitznamen musste man sich echt verdienen, den konnte man sich nicht einfach so selber geben. Und als „de Hacker“ war Jörg Jacob in der gesamten Jazz- und Bluesszene des Saarlandes berühmt im eigentlichen Wortsinne. Niemand sprach den Namen in seiner Abwesenheit ohne lautmalerischen und mimischen Kommentar aus. Meist ein Lachen mit gleichzeitig zum Staunen hochgezogenen Augenbrauen. „Joh, joh, de Hacker!“

Und immer schwangen viele, oft gegensätzliche Stimmungen mit, wenn über ihn gesprochen wurde. Bewunderung aber auch Unverständnis. Zuneigung aber auch Überforderung. Freude aber auch ein bisschen Panik. Er war nicht einfach zu fassen.

Ich habe nie herausgefunden, woher der Spitzname kam, auf Nachfragen lachte Jörg immer nur sein meckerndes, stampfendes und ihn immer weiter hoch schraubendes Jörg-Lachen und ließ seine Augenbrauen einen Veitstanz über den flackernden Augen aufführen.

In einer von ihm selbst geschriebenen Kritik zu einem Auftritt der Rhythm and Blues Band „Junior & The Bon Ton Roulet“, deren Pianist Jörg war, fand ich damals eine typische Jörg-Sentenz, sinngemäß zitiert: „am Fender-Rhodes E-Piano machte Jörg Jacob seinem Spitznamen ‚Hacker‘ alle Ehre, indem er mangelnde Spielfertigkeit durch ungebremste Dynamik ersetzte“. Rums. Das war die Krönung. Ein Typ, der eine Menge von dem war, was ich unbedingt sein wollte und nicht werden würde, machte sich auch noch über sich selbst lustig! Ich habe eine Menge „Junior“-Konzerte gesehen und gehört, weil ich auch noch den Saxophonisten Markus Abel kannte, wir waren Mannschaftskameraden im Fechtverein Sankt Ingbert. Ich war immer neidisch und voll Bewunderung und kann mich nicht erinnern, dass ich jemals das Gefühl hatte, es mangele Jörg an Spielfertigkeit. Er war am Rhodes ein Erlebnis und man musste ihn sehen, nicht nur hören. Jörgs Gesicht war in unablässiger Bewegung, wenn er spielte, er hörte den Kollegen intensiv zu, verlor sich nie im eigenen Spiel. Natürlich bestand er auf seinen Soli aber er servierte sie nie als Beweis des Könnens, sondern immer als Tribut an all die großen Blueser und Jazzer, die er liebte und denen er im Spiel einfach nur nahe sein wollte.

Jörg war nicht ohne Ehrgeiz, sicher. Aber ich hörte ihn nie sagen, er sei Musiker oder wolle es werden. Was war er damals überhaupt? Nichts? Ganz vieles!

Das war eine der großen Erkenntnisse aus meiner Begegnung mit Jörg. Dass man etwas sein kann, das nicht zu bezeichnen ist, fern von Berufsbezeichnungen liegt und keinen engen Rahmen um sich ziehen lässt, der sagt, du kannst dieses und jenes aber von dem hier lässt du die Finger. Jörg lebte das Leben eines Schwamms. Er sog alles in sich hinein, Musik, Literatur, Menschen und er gab auf wenig Druck auch alles und vom allem wieder her. Er konnte Klavier spielen und verrückte, wunderbare Texte schreiben, er konnte tiefsinnig, ja traurig reden und überbordend unterhalten mit absurder Komik. Obwohl er körperlich schwer und ungelenk wirkte, tanzte er zu praktisch jeder Musik, die diesen Namen verdiente, leidenschaftlich und hingegeben.

Das klingt jetzt vielleicht nach einem verträumten Typ, einem, der in der Realität nicht so recht ankommen will und ziellos vor sich hin künstlert.

Aber das täuscht. Jörg war ganz im Hier und Jetzt, allerdings mit einer geschärften Wahrnehmung und hoher Intelligenz und Sensibilität gesegnet, oft sicher auch geschlagen. Er konnte hinter Dinge sehen und stand für die Kraft der Kreativität, des Anders-Seins, aber nur, wenn sie unmittelbar in das Leben aller hineinwirkte. Jörg hätte niemals auf Dauer in einem Kämmerlein vor sich hin gewerkelt, nur um sich selbst kreisend. Was er machte oder ermöglichte, sollte und musste unter die Leute. Um das Leben aller, die er erreichte, zu bewegen, damit er inmitten der Welle, die er selbst angestoßen hatte, einen weiteren Sprung nach vorne machen konnte.

Er produzierte unaufhörlich Ideen für Veranstaltungen und ging mit ungeheurer Verve an ihre Verwirklichung. Er konnte Leute bequatschen und begeistern, weil er unbedingt an alles glaubte, was er selbst liebte.

Jörg ZuhauseNicht alle St. Ingberter Bürger hörten Jazz oder wussten von dessen heilender Wirkung? Dann musste er sie eben mit der Nase darauf stoßen und ein Jazzfestival ins Leben rufen.

Ich habe damals überhaupt nicht begriffen, wie viel und wie hart Jörg an solchen Projekten arbeitete. Vor allem, weil er kaum darüber sprach, nur darüber, welche Musiker er einladen wolle, wie toll es werden würde und wie sehr er sich darauf freue.

Beim vierten Festival, dem zweiten, das in der Stadthalle stattfand bekam man Augen und Mund nicht mehr zu, wenn man die Liste der Künstler las: Archie Shepp, Philippe Catherine, Niels-Henning Örsted-Pedersen und andere Stars kamen in die kleine Stadt am Rand der Republik. Jörg hatte alle Freunde und Bekannte eingespannt, weil es anders nicht zu schaffen war. Ich durfte den alten Mercedes meines Vaters als Shuttle bedienen und war so der Chauffeur von Charlie Mariano, Dave Friedman und Jasper van’t Hof. Die drei waren der letzte Act des Festivals, am Sonntagabend und vor ihnen spielte Frank Nimsgern mit seiner Band. Die Stimmung war so gut, dass Nimsgern eine Zugabe nach der anderen raushaute, während Jörg mich immer in dem kleinen Gasthof auf dem Dorf anrief, wo ich die drei alten Kämpfer bei Laune hielt.

„Der geht äänfach nit runner vun der Biehn!“, klang es verzweifelt aus dem Hörer. „Die sinn awwa gudd druff“, versuchte ich Jörg zu beruhigen, was stimmte. Die alten Buben hatten sich Kakao und eine Schüssel Schlagsahne kommen lassen, warfen sich den weißen Schaum gegenseitig ans Jackett und erzählten Jazzerstorys ohne Ende. Friedman meinte „Wenn’s bei dem jungen Kollegen so gut läuft, soll er spielen“ und Jasper van’t Hof lachte ein ums andere Mal und kiekste „So lange war ich seit Jahren nicht mehr auf.“

Charlie Mariano, Profijazzmusiker seit 1942, lächelte nur in sich hinein.

Gegen halb zwölf nachts stiegen die drei dann lässig in mein Auto, in St. Ingbert dann genauso lässig aus und spielten anschließend ein Set von fast einer Stunde an dessen Ende die Ingobertushalle kochte, als seien wir im Bill-Haley-Konzert 1958 im Berliner Sportpalast.

Jörg war glücklich.

Und ich sah ihn mir so an und dachte, klar, die Musiker sind die Stars und sie schenken uns unvergessliche Momente aber Du hast all das hier möglich gemacht, Du allein, Du cooler Hund!

Ich hatte in Jörg ein echtes role model gefunden und das gleich um die Ecke, nicht in Berlin oder London oder New York. Einen Helden. Er hatte mir Jazz und Blues mitgegeben, Walter Serner und Boris Vian. Und das Wissen, dass man sich in die Welt verströmen muss, wenn man von der Welt etwas haben will.

Dann zog ich weg aus dem Saarland und verlor fast jeden Kontakt dorthin.

Jörg hat mich ein Mal in Frankfurt besucht, während meines Schauspielstudiums. Er blieb eine ganze Weile in meiner WG, es ging ihm nicht gut, er war wie auf der Flucht, aber immer wieder blitzten sein Temperament und sein liebenswerter kluger Irrsinn auf. Meine Mitbewohner hatten offensichtlich noch nie einen Mensch wie Jörg kennen gelernt und ich war stolz, ihn zum Freund zu haben.

Doch ich konnte ihn nicht aufmuntern, verstand auch nicht, was für eine Hilfe er benötigte; er reiste weiter und ich habe ihn bis auf eine kurze traurige Begegnung in Saarbrücken nie wieder gesehen. Ich erfuhr durch Zufall von seinem schrecklich verfrühten Tod und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke.

Was ihm passiert ist, die Geschichte seines Leidens, gehört nicht hierher, ich weiß auch zu wenig darüber. Aber ich denke immer noch, dass es auch damit zu tun hatte, dass Jörg die ganze Welt wollte, nicht im Sinne von „Haben, Haben“, das wäre ihm völlig fremd gewesen, sondern als ganzheitliches Sein. Die Welt in Jörg und Jörg in der Welt. Und er wollte keine Beschränkung akzeptieren außer den unverletzlichen Bedürfnissen anderer Menschen.

Vielleicht konnte er einfach zu viel, spürte zu viel, lebte zu viel. Vielleicht war die kleine Welt des Saarlandes der Achtziger einfach nicht gefasst auf so einen Kerl.

Vielleicht…

Wenn man vom Kind zum Jugendlichen wird, verliert der Tag seine Bedeutung an die Nacht. Alle Sehnsüchte richten sich in die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang, weil sich dann die Gesetze des Lebens verschieben und all das möglich scheint, wovon man am Tage vergeblich träumt.

Jörg war der Mond, der über meiner Jugend-Traumnacht mit Jazz und schönen, unglaublich lässigen Frauen und coolen Anzügen aufging. Rund und hell und sein Gesicht sah im Profil wirklich wie ein Kinderzimmermond aus, mit seinem vorstehend geschwungenen Kinn und dem breiten Lachen.

Und er leuchtete.

Strahlte.

How high the moon!